In Strategie-Workshops stelle ich Unternehmern gerne eine Frage:
Welche Arbeit in eurem Unternehmen kostet heute Geld, bringt aber keinen direkten Umsatz – obwohl ihr richtig gut darin seid?
Die Frage sorgt meistens erst einmal für Nachdenken.
Denn wir haben gelernt, Unternehmen ziemlich klar in zwei Welten einzuteilen:
Hier verdienen wir Geld.
Dort entstehen Kosten.
Aber was, wenn diese Trennung manchmal falsch ist?
Was, wenn in einer vermeintlichen Kostenposition bereits das nächste Produkt oder die nächste Dienstleistung steckt?
Was für euch Alltag ist, kann für andere wertvoll sein
In etablierten Unternehmen gibt es unzählige Tätigkeiten, die über Jahre entstanden sind:
Qualitätssicherung.
Maschinenwartung.
Datenaufbereitung.
Logistik.
Schulungen.
Kalkulationen.
Produktionsplanung.
Interne Software.
Spezielle Excel-Tools.
Diese Dinge werden normalerweise nicht verkauft.
Sie müssen einfach funktionieren.
Und genau deshalb werden sie interessant.
Wenn dein Unternehmen seit 20 Jahren ein bestimmtes Problem löst, habt ihr wahrscheinlich etwas aufgebaut, das andere nicht haben:
Wissen. Prozesse. Daten. Werkzeuge. Erfahrung.
Vielleicht sogar eigene Software.
Die Frage ist:
Warum nutzen wir diese Kompetenz eigentlich nur für uns selbst?
„Wir sind gut im Mischen.“
Auf einer Delegationsreise habe ich diese Frage einem Verantwortlichen für Corporate Strategy bei ROWE gestellt, einem deutschen Hersteller von Schmierstoffen.
Seine Antwort war überraschend einfach:
„Wir sind gut im Mischen.“
Erst einmal klingt das nicht nach einer großen Geschäftsidee.
Aber genau das finde ich daran interessant.
Denn hinter „Mischen“ steckt viel mehr.
Rezepturen. Anlagen. Prozesse. Qualitätssicherung. Erfahrung. Produktionswissen.
Was für das Unternehmen tägliche Routine ist, kann für jemand anderen ziemlich schwer sein.
Also haben wir die Frage einmal umgedreht:
Was wäre, wenn man nicht nur das fertige Produkt verkauft, sondern auch die Fähigkeit dahinter?
Zum Beispiel als Mixing-as-a-Service für Unternehmen, Forschung oder Startups, die neue Materialien oder Produkte entwickeln wollen.
Ob daraus tatsächlich ein Geschäft wird, müsste man testen.
Aber genau darum geht es.
Nicht sofort einen Businessplan schreiben.
Erst einmal erkennen, dass dort überhaupt eine Möglichkeit liegt.
Dein bestehendes Unternehmen ist Rohmaterial
Gerade bei etablierten Unternehmen finde ich diese Perspektive spannend.
Du startest nicht auf der grünen Wiese.
Du hast vielleicht 20 oder 30 Jahre Erfahrung im Unternehmen.
Du hast Mitarbeiter mit Spezialwissen.
Du hast Maschinen, Lieferanten, Prozesse, Kunden und Daten.
Und wahrscheinlich löst ihr jeden Tag Probleme, über die niemand mehr nachdenkt, weil sie für euch normal geworden sind.
Für ein Startup wären viele dieser Dinge ein riesiger Vorsprung.
Für euch stehen sie möglicherweise einfach als Kosten in der BWA.
Deshalb würde ich nicht nur fragen:
Wo können wir Kosten reduzieren?
Sondern auch:
Welche Kostenposition könnte eigentlich eine Wertquelle sein?
Das ist ein ziemlich anderer Blick auf dasselbe Unternehmen.
Von intern zu extern
Das Muster dahinter ist oft erstaunlich simpel.
Aus einem internen IT-Tool kann ein Produkt für Kunden werden.
Aus der eigenen Wartungskompetenz kann ein Servicevertrag entstehen.
Aus internen Schulungen kann ein Trainingsangebot werden.
Aus einer aufwendig aufgebauten Datenbasis kann ein Informationsdienst entstehen.
Aus einem manuellen Prozess kann Software werden.
Und aus einer internen Dienstleistung vielleicht ein White-Label-Angebot für andere Unternehmen.
Die entscheidende Veränderung passiert zuerst nicht in der Technologie.
Sie passiert im Kopf:
Von Kosten zu Kompetenz.
Von Kompetenz zu Angebot.
Von Angebot zu neuem Umsatz.
Aber nicht jede Kompetenz ist automatisch ein Geschäftsmodell
Das ist der wichtige Teil.
Nur weil ihr etwas gut könnt, heißt das noch lange nicht, dass jemand dafür bezahlt.
Deshalb würde ich daraus nicht direkt ein neues Geschäftsfeld machen.
Ich würde testen.
Wer hat dasselbe Problem?
Wie löst diese Person es heute?
Was kostet sie das Problem?
Würde sie eure Lösung kaufen?
Und was ist die kleinste Version des Angebots, mit der wir das herausfinden können?
Vielleicht ist es am Anfang gar keine Software.
Vielleicht ist es ein manueller Service für drei Kunden.
Wenn der funktioniert, können wir weiterbauen.
Schau einmal anders auf dein Unternehmen
Die nächste Geschäftsidee muss nicht von außen kommen.
Vielleicht steckt sie bereits in etwas, das dein Unternehmen seit Jahren jeden Tag macht.
Deshalb lohnt sich eine ungewöhnliche Frage:
Welche Arbeit kostet uns heute Geld, obwohl darin eigentlich etwas steckt, wofür andere bezahlen würden?
Vielleicht ist die Antwort: nichts.
Vielleicht findet ihr aber auch eine Fähigkeit, die über Jahre entstanden ist und die bisher niemand als Produkt betrachtet hat.
Genau solche Dinge interessieren mich bei Nerd Studio.
Nicht: Welche Technologie können wir noch irgendwo einbauen?
Sondern:
Was ist in deinem Unternehmen bereits vorhanden – und was könnten wir daraus als Nächstes bauen?
Denn ein bestehendes Unternehmen ist kein leeres Blatt Papier.
Und genau das ist sein Vorteil.