Dieser Gedanke entstand nach einem langen Abend mit Freunden.
Zwischen Wein, Musik, Politik, Unternehmen und ziemlich unterschiedlichen Meinungen kam irgendwann eine Frage auf:
Warum wirkt heute so vieles glattgeschliffen?
Musik. Filme. Marken. Politik. Unternehmen. Social Media.
Vieles ist professioneller geworden.
Aber hat es dadurch auch mehr Charakter?
Wenn ich 40 oder 50 Jahre zurückblicke, sehe ich etwas anderes.
Musik durfte kantig sein.
Kunst durfte provozieren.
Filme mussten nicht jedem gefallen.
Politische Bewegungen entstanden aus Konflikten und klaren Überzeugungen.
Man konnte Dinge lieben oder hassen.
Aber man hat etwas gefühlt.
Es gab Reibung.
Und Reibung erzeugte Auseinandersetzung.
Heute können wir theoretisch jeden erreichen
Das Internet hat uns eine unglaubliche Möglichkeit gegeben.
Ein Unternehmen aus Mainz kann Kunden auf der ganzen Welt erreichen.
Ein einzelner Mensch kann Millionen Menschen erreichen.
Aber genau darin steckt auch ein Problem.
Je größer die potenzielle Zielgruppe wird, desto größer wird die Versuchung, niemanden auszuschließen.
Also optimieren wir.
Texte werden getestet.
Designs werden getestet.
Produkte werden getestet.
Algorithmen zeigen uns, was funktioniert.
KI kann uns inzwischen sogar sagen, wie wir etwas formulieren sollten, damit es möglichst gut ankommt.
Und irgendwann entsteht daraus etwas Merkwürdiges:
Alles funktioniert.
Aber vieles fühlt sich gleich an.
Der Durchschnitt ist ziemlich bequem
Das sehe ich auch bei Unternehmen.
Man schaut, was der Wettbewerb macht.
Dann baut man etwas Ähnliches.
Die gleiche Website.
Die gleichen Leistungen.
Die gleichen Aussagen.
„Innovativ.“
„Kundenorientiert.“
„Individuell.“
„Zukunftssicher.“
Niemand widerspricht.
Aber wahrscheinlich erinnert sich auch niemand daran.
Das Problem ist nicht fehlende Qualität.
Das Problem ist fehlender Charakter.
Denn Charakter entsteht durch Entscheidungen.
Und eine echte Entscheidung bedeutet immer:
Wir machen etwas so – und bewusst nicht anders.
Genau deshalb beschäftigt mich das auch bei Nerd Studio.
Ich möchte nicht der nächste Entwickler sein.
Nicht die nächste Digitalagentur.
Nicht die nächste KI-Beratung.
Davon gibt es genug.
Mich interessiert eine andere Frage:
Was passiert, wenn eine neue Unternehmergeneration ein funktionierendes Unternehmen übernimmt und anfängt, Dinge wieder grundsätzlich zu hinterfragen?
Warum machen wir diesen Prozess eigentlich so?
Warum verkaufen wir das noch immer auf diese Weise?
Warum dauert es sechs Monate, eine Idee auszuprobieren?
Warum machen wir etwas seit 20 Jahren so – und muss es deshalb weitere 20 Jahre so bleiben?
Nicht weil das Alte schlecht ist.
Im Gegenteil.
Es hat offensichtlich funktioniert.
Aber das bedeutet nicht, dass es die einzige mögliche Version ist.
Vielleicht brauchen Unternehmen wieder mehr Kante
Nicht künstliche Provokation.
Nicht möglichst laute LinkedIn-Meinungen.
Sondern echte Entscheidungen.
Was glauben wir?
Was machen wir anders?
Was machen wir bewusst nicht?
Für wen sind wir da?
Und für wen eben nicht?
Das ist für mich Strategie.
Und wahrscheinlich auch Marke.
Nicht jedem gefallen zu wollen.
Sondern klar genug zu sein, damit die richtigen Menschen sagen:
Genau so sehe ich das auch.
Und andere sagen:
Nein. Sehe ich komplett anders.
Beides ist okay.
Vielleicht ist ein verlorener Follower manchmal tatsächlich ein Gewinn an Charakter.
Und vielleicht sollten wir uns öfter fragen:
Wo sind wir wirklich wir selbst – und wo sind wir nur der Durchschnitt unserer Zeit?