Ich glaube, wir erleben gerade das Ende eines Dienstleistungsmodells, das die IT- und Medienbranche über Jahrzehnte geprägt hat.
Nicht das Ende von Entwicklern.
Nicht das Ende von Designern.
Und auch nicht das Ende von Agenturen.
Aber das Ende einer einfachen Logik:
Der Kunde hat eine Aufgabe. Der Dienstleister liefert den Output.
Eine Website.
Ein Design.
Eine Software.
Eine Kampagne.
KI macht genau diesen Output gerade schneller, günstiger und zunehmend austauschbar.
Und damit verschiebt sich der Wert von Dienstleistungen.
Wenn alle schneller werden, ist Geschwindigkeit kein Vorteil mehr
Software entwickeln war einmal teuer.
Design produzieren war aufwendig.
Texte schreiben brauchte Zeit.
Analysen mussten von Menschen durchgeführt werden.
Heute kann ein kleines Team mit KI einen Output erzeugen, für den vor wenigen Jahren deutlich mehr Menschen notwendig gewesen wären.
Das ist erst einmal großartig.
Aber es hat eine Konsequenz:
Wenn alle dieselben Werkzeuge haben, wird das Werkzeug selbst kein Wettbewerbsvorteil.
„Wir entwickeln Software“ reicht irgendwann genauso wenig als Differenzierung wie „Wir bauen Websites“.
Auch „Wir nutzen KI“ wird schneller selbstverständlich werden, als viele glauben.
Was wird dann wertvoll?
Nicht der Output.
Sondern die Fähigkeit herauszufinden, welcher Output überhaupt einen Unterschied macht.
Ich habe diesen Wandel schon einmal erlebt
Als ich Anfang der 2000er meine Ausbildung zum Mediengestalter gemacht habe, war die Welt noch eine andere.
Print war ein großer Teil der Arbeit.
Dann wurde das Internet relevant.
Plötzlich reichte es nicht mehr, ein gutes Layout für eine A4-Seite zu gestalten.
Websites mussten funktionieren. Inhalte wurden dynamisch. Datenbanken kamen dazu. E-Commerce entstand. Später mobile Geräte und Responsive Design.
Ich habe damals für mich entschieden:
Ich will verstehen, wie diese neue Welt funktioniert.
Also ging ich vom Design immer weiter Richtung Internet, Software und digitale Geschäftsmodelle.
Aus heutiger Sicht war dabei etwas Interessantes zu beobachten:
Die neuen Digitalagenturen haben nicht einfach nur eine neue Technologie angeboten.
Sie haben mehrere Disziplinen zusammengebracht.
Design.
Technologie.
Konzeption.
Marketing.
Software.
Damit konnten plötzlich Dinge entstehen, die eine klassische Werbeagentur oder ein reines Softwarehaus alleine kaum liefern konnte.
Heute passiert wieder etwas Ähnliches.
Nur eine Ebene höher.
Software + Design reichen nicht mehr
Die letzten 15 Jahre konnte man eine ziemlich gute Digitalagentur aufbauen, wenn man Design und Technologie zusammengebracht hat.
Jetzt automatisiert KI Teile von beiden.
Also verschiebt sich die Grenze erneut.
Die entscheidende Kompetenz wird nicht sein:
„Kannst du das bauen?“
Sondern:
„Verstehst du genug von meinem Unternehmen, um zu erkennen, was wir bauen sollten?“
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Dafür muss ein Dienstleister plötzlich Dinge verstehen, die früher bequem beim Kunden bleiben konnten:
Wie verdient das Unternehmen Geld?
Warum kaufen Kunden?
Welche Prozesse machen den Unterschied?
Wo steckt Wissen, das bisher nicht genutzt wird?
Welche bestehenden Kundenbeziehungen ermöglichen neue Angebote?
Welche Idee sollte man testen?
Welche sollte man besser sofort verwerfen?
Und erst danach kommt Technologie.
Das verändert die Rolle des Dienstleisters
Eine klassische Agentur fragt:
„Was sollen wir für euch machen?“
Ein Softwarehaus fragt:
„Was sollen wir bauen?“
Eine Beratung sagt:
„Das solltet ihr tun.“
Die nächste Generation von Dienstleistern wird eine andere Frage stellen:
„Was sollten wir als Nächstes ausprobieren?“
Und dann nicht verschwinden, sobald die PowerPoint fertig ist.
Sondern mitbauen.
Das ist für mich die interessante Entwicklung.
Denn wenn KI die operative Umsetzung immer günstiger macht, können kleine Teams plötzlich viel größere Teile der Wertschöpfung übernehmen.
Sie können recherchieren.
Hypothesen entwickeln.
Prototypen bauen.
Software entwickeln.
Markttests durchführen.
Prozesse automatisieren.
Produkte launchen.
Und aus dem Feedback direkt die nächste Version bauen.
Nicht mit 30 Spezialisten.
Vielleicht mit drei.
Oder zwei.
Manchmal sogar mit einer Person und einem guten Netzwerk.
Vom Dienstleister zum Mitunternehmer
Ich glaube deshalb, dass zwischen Agentur, Beratung, Softwarehaus und Venture Studio eine neue Kategorie entsteht.
Menschen und kleine Teams, die nicht primär eine Disziplin verkaufen.
Sie verkaufen ihre Fähigkeit, unternehmerische Probleme zu verstehen und daraus etwas Funktionierendes zu bauen.
Sie müssen dafür zwei Perspektiven gleichzeitig beherrschen.
10.000 Meter:
Geschäftsmodell, Markt, Kunde, Strategie.
Und 10 Meter:
Prototyp, Prozess, Code, Landingpage, API, Vertriebsexperiment.
Genau diese Kombination wird durch KI interessanter.
Denn je günstiger die Umsetzung wird, desto wertvoller wird die Entscheidung:
Was setzen wir überhaupt um?
Das ist besonders interessant für den Mittelstand
Ein etabliertes Unternehmen startet nicht bei null.
Es hat bereits Kunden.
Mitarbeitende.
Branchenwissen.
Prozesse.
Reputation.
Kapital.
Vertrieb.
Vielleicht 20, 30 oder 50 Jahre Erfahrung.
Das ist kein Ballast.
Das ist Rohmaterial für neue Geschäftsmodelle.
Gerade bei einer Unternehmensnachfolge wird das spannend.
Die nächste Generation übernimmt ein funktionierendes Unternehmen – aber eben auch Systeme, Prozesse und Entscheidungen, die lange vor ihrer Zeit entstanden sind.
Die Frage ist deshalb nicht nur:
Wie digitalisieren wir das Unternehmen?
Sondern:
Was könnten wir aus diesem Unternehmen als Nächstes machen?
Vielleicht wird aus einer internen Software irgendwann ein Produkt.
Aus einer manuellen Dienstleistung ein digitaler Service.
Aus jahrzehntelangem Branchenwissen ein neues Geschäftsmodell.
Oder aus einem nervigen internen Prozess einfach eine Automatisierung, die jede Woche 20 Stunden Arbeit spart.
Man weiß es vorher nicht.
Man muss es herausfinden.
Deshalb glaube ich an „Co-Founder as a Service“
Ich habe lange Software entwickelt, Unternehmen gegründet, Prozesse verändert, Teams aufgebaut, beraten und Ventures begleitet.
Früher hätte ich diese Dinge wahrscheinlich als unterschiedliche Kompetenzen betrachtet.
Heute sehe ich gerade in ihrer Kombination den eigentlichen Wert.
Ich möchte nicht darauf warten, dass mir jemand ein Pflichtenheft gibt.
Ich möchte früher am Tisch sitzen.
Wenn die Frage noch lautet:
„Da müsste doch eigentlich etwas möglich sein, oder?“
Dann gemeinsam herausfinden, ob die Idee Substanz hat.
Und wenn sie Substanz hat:
bauen.
testen.
lernen.
weiterbauen.
Nicht als externer Lieferant.
Sondern temporär wie ein weiterer Unternehmer am Tisch.
Das ist die Idee hinter Co-Founder as a Service.
Die wichtigste Fähigkeit der Zukunft ist nicht KI
Natürlich müssen wir lernen, mit KI zu arbeiten.
Aber KI selbst wird kein dauerhafter USP sein.
Genauso wenig wie „wir können Internet“ heute noch ein USP ist.
Die wichtigere Fähigkeit wird sein, Dinge miteinander verbinden zu können:
Technologie mit Geschäftsmodellen.
Kundenprobleme mit Produkten.
Branchenwissen mit neuen Möglichkeiten.
Strategie mit Umsetzung.
Und bestehende Unternehmen mit Dingen, die es dort heute noch nicht gibt.
Vielleicht ist die Agentur der Zukunft deshalb gar keine Agentur mehr.
Vielleicht ist sie ein kleines unternehmerisches Studio.
Eines, das nicht fragt:
„Was können wir für euch umsetzen?“
Sondern:
„Was können wir aus dem, was ihr bereits habt, als Nächstes bauen?“
Und genau diese Frage finde ich gerade verdammt spannend.